Das Beratungskonzept der MLKS

1. Warum Beratung?

Das Recht aller Schülerinnen und Schüler auf Beratung ist im Schulgesetz NRW (§57) festgelegt: „Lehrerinnen und Lehrer unterrichten, erziehen, beraten, beurteilen, beaufsichtigen und betreuen Schülerinnen und Schüler in eigener Verantwortung im Rahmen der Bildungs- und Erziehungsziele […].“ Im schulischen Kontext gehört die Beratung zu den grundlegenden Handlungsfeldern einer Lehrkraft. Sie wird als feststehendes Kommunikationsprinzip in ihrer Bedeutung anerkannt und gefordert. Beratung gehört ebenfalls zu den sieben Kernkompetenzen der Lehrerpersönlichkeit. Aber nicht nur formal scheint Beratung wichtig, sondern wir erleben im Schulalltag regelmäßig den Wunsch nach und die Dringlichkeit von Beratung. Mit der oben genannten Auffassung zeigt sich Schule und Schulleben mit einer wertschätzenden, offenen und modernen Schulkultur, dessen Bildungsverständnis weit über die Vermittlung von Wissensbereichen hinausreicht. Schülerinnen und Schüler in ihrer Persönlichkeit zu fördern, Elternarbeit aktiv zu gestalten, mit Kollegen zu kooperieren und Schule nach außen zu öffnen, ist ohne eine Kultur der Beratung nicht möglich. Beratung dient dazu, „den anderen zu unterstützen, die Situation klarer oder aus einer anderen Perspektive zu sehen, neue Lösungsmöglichkeiten in den Blick zu nehmen und sich weiterzuentwickeln“(vgl. König).

2. Was ist Beratung?

Es gibt keine echte, einheitliche Definition von Beratung, da sie so vielschichtig ist. Oft ist von Berufsberatung, Erziehungsberatung, Familienberatung, Eheberatung, Unternehmensberatung, Supervision oder Intervision die Rede. 

 

Diese Beratungsformen kommen aus den verschiedensten Bereichen, aus Wirtschaft, Medizin oder Psychologie, aber eines haben alle Formen gemeinsam: sie sind lösungs-, und ressourcenorientiert.

2.1 Lösungsorientierung

„Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen.“ Getreu diesem Motto hat Beratung im originären Sinne es sich auf die Fahne geschrieben, nicht bei der Schilderung von Problemen stehen zu bleiben, sondern einen Schritt weiter zu gehen, nämlich den Ratsuchenden dazu zu befähigen, die Lösung für sein Problem selbst zu finden. Beratung versteht sich als eine Art Hebammenkunst, in der der Berater die Rolle der Hebamme einnimmt, die dem Ratsuchenden/Klienten dabei hilft, die für ihn passende Lösung zu „gebären“. Von diesem Verständnis ausgehend und dem sich daraus ableitenden Leitsatz: ‚Jeder Mensch ist für die Lösung seiner Probleme selbst verantwortlich’; spricht man dem Menschen die Fähigkeit zu, seine Wirklichkeit, seine Realität selbst zu gestalten, zu konstruieren. Entscheidend dabei ist, dass er keine objektive Wirklichkeit bilden kann, sondern wie Mutzek es formuliert: „[...] es ist seine ganz bestimmte Realität, seine individuelle Welt – und Selbstsicht.“ Schlee spricht in diesem Zusammenhang von Menschen als ‚subjektive Theoretiker’, die ihre Wirklichkeit als nur eine interpretierte erfahren können und so den Beratungsprozess als subjektives Erlebnis deuten.

2.2 Ressourcenorientierung

Beratung geht davon aus, dass jeder Mensch Ressourcen in sich trägt, die ihn dazu befähigen, eigenaktiv seine Probleme selbst zu lösen. Dahinter verbirgt sich das Humanistische Welt- und Menschenbild, dem wir uns an der MLKS ebenfalls verschrieben haben. Dieses Verständnis spricht dem Menschen Fähigkeiten zu, die, wie Mutzek es beschreibt, potenziell zum Selbst(-verständnis) des einzelnen Menschen gehören und konstitutiv manifest sind.

 

Mit dieser Abkehr von einer negativen Sichtweise und der Fokussierung auf die menschlichen Entwicklungstendenzen wird es dem Berater möglich, die Potenziale und Stärken zu erkennen und ihnen Möglichkeiten zu bieten, sich zu entwickeln.

3. Der Beratungsansatz

n der Arbeit mit verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen, deren Defizite und Stärken stets in einem systemischen Kontext zu betrachten und diagnostisch wahrzunehmen sind (Kind-Umfeld-Analyse), liegt das Augenmerk auf der sozialen Vernetztheit, auf den Bezugspersonen und ihren Beziehungsfeldern. Aus diesem Verständnis heraus, in Verbindung mit den handlungsleitenden Erkenntnissen der konstruktivistischen Theorien,

Menschliche Fähigkeiten 

  • Handlungskompetenz
  • Autonomie
  • Emotionalität
  • Kommunikationskompetenz
  • Rationalität,
  • Intentionalität,
  • Sinnorientierung
  • Erkenntnisfähigkeit
  • Reflexivität

ergibt sich der enge Bezug zum systemischen Beratungsansatz und seiner Praxis an der MLKS. Wir, als systemisch denkende Berater, gehen von der Selbstständigkeit des Ratsuchenden aus und betrachten ihn als „Experten in eigener Sache“. Wir arbeiten mit den vorhanden Ressourcen und Kompetenzen und eröffnen unseren Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten, eigenverantwortlich und selbstorganisiert zu Lösungen und Zielen zu gelangen. Denke und berate ich systemisch, ist mein Vorhaben, Sichtweisen zu erweitern, Blickrichtungen zu verändern, Gleichgewichte wieder herzustellen und im Sinne des Konstruktivismus‚ neue „Wirklichkeitsbilder“ zu entdecken. An dieser Stelle ist der Prozess der Wahrnehmung ein entscheidender und im Hinblick auf die Zielsetzung ein grundlegender Faktor. Im Rahmen unserer täglichen Erziehungs- und Unterrichtsarbeit an der MLKS kommt dem Bereich der ‚emotionalen Stärkung’ eine besondere Bedeutung zu. Auch das Beratungsangebot selbst oder einzelne Phasen im Beratungsprozess können bei unserer Schülerschaft Blockaden und Abbrüche hervorrufen. In solchen Fällen arbeiten wir mit einem hohen Maß an persönlicher Achtsamkeit dem Schüler und uns selbst gegenüber vor dem Hintergrund, dass eines der wichtigsten Ziele jeder Beratungserfahrung ist, Gedanken, Einstellungen und Gefühle zu Tage zu fördern.

 

Strukturierung eines Beratungsprozesses:

  1. Orientierungsphase
  2. Klärungsphase
  3. Veränderungsphase
  4. Abschlussphase

4. Berater und Ratsuchender

Der Ratsuchende ist Experte für seine Person, seine Lebens- und Berufswelt. Zwischen dem Ratsuchenden und seinem Berater besteht, wie Schlee es betont, eine symmetrische, vertrauensvolle Beziehung.

5. Ablauf des Beratungsgesprächs

Ausgangspunkt für die Beratung des Ratsuchenden (Schülerinnen und Schüler, deren Eltern, etc.) ist ein sondierendes Vorgespräch. Thematisiert werden verschiedene schulische wie außerschulische Felder, die im Laufe des Gespräches in ihrer Komplexität reduziert und hinsichtlich ihres Bedeutungsgehaltes priorisiert werden. Im letzten Schritt wird ein konkretes Anliegen formuliert bzw. ein Beratungsauftrag formuliert werden. Die Anwendung der Gütekriterien für wohlgeformte Zielvereinbarungen (SMART) erhöhen die Transparenz und Steuerung im Beratungsverlauf und bei der Evaluation der Beratungsergebnisse. Der Beratungsablauf spiegelt die typischen Phasen eines Beratungsgespräches wieder; wobei - ausgehend vom systemischen Prozessverständnis, dass sich Thema oder das Ziel der Beratung immer wieder verändern – sich einzelne Phasen überschneiden oder zwischen Phasen hin- und hergependelt werden kann. Die nachfolgend dargestellte Phasenstruktur ist für die Umsetzung der Beratung von großer praktischer Bedeutung:

6. Beratung an der MLK-S

6.1. Systemische Beratung/Familienberatung

Derzeit befindet sich eine pädagogische Mitarbeiterin der MLKS in der Weiterbildung zur DGSF-zertifizierten Beraterin der Systemischen Beratung/Familienberatung. Da diese Weiterbildung auch den SchülerInnen der MLKS und ihren Familien zu Gute kommen soll, ist in Planung, dass ab September 2012 diese Mitarbeiterin den Schülerinnen und Schülern der Stammschule unentgeltlich Beratungsstunden zur Verfügung stellt. Diese Beratungsstunden können als Einzel- oder Gruppenberatungen ablaufen, je nachdem, wie der auftraggebende Klient (in dem Fall die betreffende Schülerin/der betreffende Schüler) es wünscht. Grundlage einer Beratungsperiode, die mehrere Sitzungen umfassen

, kann, ist ein Kontrakt, den Klient und Beraterin im Erstgespräch nach einer ausführlichen Anamnese des Problems schließen. Meist tritt ein Problem nicht isoliert auf, nicht personenzentriert, weshalb häufig das System des Klienten mit in den Fokus genommen werden muss und es sein kann, dass verschiedene Personen des betreffenden Systems Teil der Beratung werden. Während des Beratungsverlaufs entscheidet sich die Beraterin für verschiedene Interventionen, von denen sie annimmt, dass sie den Klienten befähigen werden, sein Problem zu lösen und somit das Ziel zu erreichen, das im Kontrakt des Erstgesprächs formuliert wurde. Die Beraterin bedient sich während des Beratungsverlaufs verschiedener Handwerkszeuge. Zur Anamnese eines Problems haben sich beispielsweise bewährt: die Genogrammarbeit, die Familienhelfer-Map, der Zeitstrahl oder auch Soziogramme. Als Interventionen finden beispielsweise Anwendung: das Skulpturieren, zirkuläres Fragen, Reframing, Zeugenarbeit. Jede Beratungssitzung wird dokumentiert. Dies dient der besseren Orientierung für kommende Sitzungen sowie der Qualitätssicherung. Die Inhalte jeder Beratungssitzung sind selbstverständlich absolut vertraulich und werden nicht an Dritte weitergetragen.

6.2. Beratung als Krisenintervention

Kernpunkt der pädagogischen Alltagsarbeit an unserer Schule bilden die Beratungsgespräche als Krisenintervention, die die betreffenden SchülerInnen mit allen pädagogischen MitarbeiterInnen führen können, zu denen sie ein Vertrauensverhältnis pflegen. Da wir die meiste Zeit über in Doppelbesetzung arbeiten, ist nahezu immer eine Lehrkraft abkömmlich für derartige Vier-Augen-Gespräche. Besonders hoch ist der Bedarf für derlei Gespräche nach den Wochenenden oder Ferien. Oftmals benutzen wir zwecks Intervention die kurzen Wege, die wir im Zuge unserer Kooperationen geschaffen haben und leiten bspw. weiter zum zuständigen Sachbearbeiter beim Jugendamt, zum Kinderschutzbund, zur Polizei, o.ä.

6.3. Intervision/kollegiale Fallberatung

Ein weiteres Mittel unserer pädagogischen Arbeit stellt die kollegiale Fallberatung dar, in der ein pädagogischer Mitarbeiter (meistens jedoch die Schulsozialarbeit) als „Gleicher unter Gleichen“ eine Fallberatung (an)leitet. In diesen Fallberatungen hat jedes Klassenteam die Möglichkeit, den Fall einer Schülerin/eines Schülers darzustellen, bei dem es gerade keine Weiterentwicklung gibt und für den es (das Klassenteam) die professionelle Sicht und mögliche alternative Handlungsmöglichkeiten des restlichen Kollegiums hören möchte. Nach Schilderung des Falles durch das Klassenteam erhält jede Kollegin/jeder Kollege die Möglichkeit, Ideen für ein weiteres Vorankommen zu äußern; diese werden schriftlich festgehalten. Anschließend erhält das Klassenteam die Möglichkeit, die Vorschläge als zielgerichtet oder nicht zielgerichtet einzustufen sowie zu priorisieren. Die pädagogische Entscheidung, wie weiter im Fall verfahren wird, verbleibt beim Klassenteam.

6.4 Konfliktberatung durch SL

Bei schweren Konflikten zwischen MitschülerInnen oder SchülerIn und LehrerIn, bei denen die betroffenen Personen einen Außenstehenden als Mediator benötigen, besteht die Möglichkeit einer Konfliktberatung durch die Schulleitung. In dieser werden von der SL zeitnah verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die letzte pädagogische

Entscheidung verbleibt bei der betreffenden Lehrkraft. Ordnungsmaßnahmen können jedoch nur in Absprache mit der Schulleitung getroffen werden.

6.5. Beratungsschulungen

Langfristig ist geplant, dass die Kollegin, die sich derzeit zur Systemischen Beraterin weiterbilden lässt, Beratungsschulungen für das Kollegium anbietet. Ziel ist eine Qualifizierung und Professionalisierung aller Lehrkräfte bzgl. ihrer Beraterfunktion.

Literatur

Brüggemann, H., u.a.: Systemische Beratung in fünf Gängen (2009), Göttingen

Hendriksen, J.: Intervision. Kollegiale Beratung in Sozialer Arbeit und Schule (2002),

Weinheim / Basel

Huber, S.G.: Die Schule als Ort hoher Beratungskultur. In: SchVw spezial, 12.Jg 2010, Nr.1

Klein, R. / Kannnicht, R.: Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und

Beratung (2007), Heidelberg

Kölln,D.: Personal Coach Lehrer (2006), Stuttgart

König, E.: Coaching: Beratung von Lehrkräften. In: SchVw spezial, 13.Jg 2011, Nr.2

Mutzek, W.: Kooperative Beratung (2008), Berlin

Schlee, J.: Kollegiale Beratung und Supervision (2008), Stuttgart

Schulvorschriften Nordrhein-Westfalen (BASS 2010/2011), §8 ADO, §§42,44 SchulG

Schweitzer, J. / von Schlippe, A.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung

(2007), Göttingen

Ebd.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische

Wissen (2009), Göttingen

Schwing, R. / Fryszer, A.: Systemisches Handwerk. Werkzeug für die Praxis (2010),

Göttingen

Zwicker-Pelzer, R.: Beratung in der sozialen Arbeit (2010), Regensburg